Tauschring Blog für das Dreiländereck

Talente-Predigt von Pfarrer Zeilinger

Am Sonntag, dem 8. August hielt Helmut Zeilinger in der evg. Friedenskirche in Freiburg folgende PredigtWer Zeit hat, sie zu lesen, dem gibt sie sicher manche Anregung.

500 Jahre Johannes Calvin.
Das Geburtstagsjubiläum des französisch-schweizerischen Reformators in Genf bringt viele Deutungen seiner Person und Theologie.
Inflationär auch die Anspielungen: Ja, ja der Protestantismus - wird süffisant bemerkt – klopft in Predigten und Denkschriften dem Kapitalismus ein bisschen auf die Finger, schilt die Auswüchse des Neoliberalismus (wir zählen sie fast täglich auf: unersättliche Gier auf allen Seiten, unmoralische Boni in den Cheftagen selbst bei Verlustgeschäften, gnadenloser Konkurrenzkampf mit unzähligen Menschenopfern) - hat denn aber nicht gerade diese calvinistische Prägung des Christentums dem Kapitalismus den Weg bereiten helfen?

Es ist wahr: zB das ursprüngliche Zinsverbot wurde im Mittelalter zunehmend gelockert.
Das alte Argument gegen den Zins, Geld sei unfruchtbar, könne also nicht selbst Geld hervorbringen, leuchtete auch Calvin nicht mehr ein. Schon vor ihm gab es gewinnorientierte Geldgeschäfte. Und selbst ein Bischof räumte der Handelsstadt Genf das Recht zu Darlehensgeschäften mit Zinszahlungen ein. In neue Geschäftsfelder musste doch investiert werden. Dafür brauchte es aber Kredite und Wachstum. Zwar ist alles „an Gottes Segen gelegen“, wie’s unser Gesangbuch überliefert. Aber auch Calvins Berufsethos – Pflichterfüllung, Fleiß, Disziplin, Erfolg – passte zu entsprechenden Erfolgen.

Doch Kontostand und geschäftlicher Aufstieg als Maßstab göttlicher Erwählung: das ist nicht Calvin, vielmehr sektiererische Weiterbildung im späteren Calvinismus. Für Calvin gehörten Reichtum und Verantwortung zusammen. Verpönt ist nicht, Reichtum zu erwerben, sondern diesen selbstsüchtig zu gebrauchen. Geringe Zinsen – ok, besser aber kostenlose Darlehen und Kleinkredite ohne Zins an die Bedürftigen, die Geld leihen, weil sie in Not geraten sind, und damit sie sich nicht weiter verschulden. Das Wucherverbot war eine Rettungsaktion zum Schutz der Ärmsten. Und auf seinen Antrag hin wird zur Beschäftigung der Armen und Arbeitslosen mit Hilfe eines Staatskredits (!) die Tuch- und Samtfabrikation als Heimarbeit eingeführt. Dann sollten wir aber – gegen das Vorurteil von vielen – , statt ihn haftbar zu machen für die Verelendung durch den Kapitalismus, von Calvin lieber etwas lernen für die Lösung der Krisen, die er auslöst.

Also Vorsicht, wenn unsre christliche Tradition zugunsten profitorientierter Ideologien missbraucht wird. Die Profeten und Jesus sahen bei Reichtum und Gier nicht Lebensgewinn, sondern die Gefahr, das Leben zu verlieren, also bankrott zu gehen… - wenn da nicht die Geschichte wäre, die fast alle kennen, viele zwar mit Kopfschütteln. Aber sie steht mit Jesus in Zusammenhang und ist von unsrer Kirche für diesen Sonntag ausgesucht worden. Ich lese aus

Gleichnis von den anvertrauten Talenten

14Gleichwie ein Mensch, der über Land zog, rief seine Knechte und tat ihnen seine Güter aus; 15und einem gab er fünf Zentner, dem andern zwei, dem dritten einen, einem jedem nach seinem Vermögen, und zog bald hinweg.16Da ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann andere fünf Zentner. 17Desgleichen, der zwei Zentner empfangen hatte, gewann auch zwei andere. 18Der aber einen empfangen hatte, ging hin und machte eine Grube in die Erde und verbarg seines Herrn Geld. 19Über eine lange Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt Rechenschaft mit ihnen. 20Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte andere fünf Zentner dar und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner ausgetan; siehe da, ich habe damit andere fünf Zentner gewonnen. 21Da sprach sein Herr zu ihm: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude! 22Da trat auch herzu, der zwei Zentner erhalten hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner gegeben; siehe da, ich habe mit ihnen zwei andere gewonnen. 23Sein Herr sprach zu ihm: Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude! 24Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, das du ein harter Mann bist: du schneidest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht gestreut hast; 25und fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in die Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du Schalk und fauler Knecht! wußtest du, daß ich schneide, da ich nicht gesät habe, und sammle, da ich nicht gestreut habe? 27So solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine zu mir genommen mit Zinsen. 28Darum nehmt von ihm den Zentner und gebt es dem, der zehn Zentner hat. 29Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. 30Und den unnützen Knecht werft hinaus in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappen.

Irritiert Sie das nicht auch?
Da wird einer bestraft, der das Geld für einen anderen verwahrte. Klar haftet er dafür, wenn es etwa durch Diebstahl verloren geht oder an der Börse – was wohl dasselbe ist - oder wenn er selbst es antastet. Aber er gibt alles auf Heller und Pfennig zurück. Erst die Reaktion des Eigentümers gibt Aufschluss: du hättest damit Geschäfte machen sollen, zB es für Zinsen ausleihen. Das Geld hätte für mich „gearbeitet“. Ich hätte jetzt nicht nur mein Geld zurück, sondern einen Gewinn dazu. – Eine Geschichte, die gar nicht zu Jesus passt. Direkt ärgerlich ist der oft zitierte Satz: „Wer hat, dem wird gegeben, und wer nicht hat, wird auch noch das letzte Hemd genommen!“

Inzwischen ein „gefügeltes Wort“ und die brutale Wahrheit des kapitalistischen Systems. Unsre Welt ist damit gezeichnet: „Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer“. Von vielen kriegen wir das „Heulen und Zähneklappern“ hautnah mit. Ebenso die ohnmächtige Wut, dass das alles so ist und trotz der Wahlkampfsprüche so bleiben wird, solange die Grundlagen von dem Ganzen unangetastet bleiben. Gehört dazu nicht auch, dass ganz offen gesagt wird: den Schreiber-Prozess und die Aufklärung über die korrupten Geldaffären wird es VOR der Wahl nicht geben? Wir wissen, dass das alles System hat. Aber dass da Jesus dahinter stehen soll, ist umwerfend. Und macht unwillig, sich mit der Matthäus-Geschichte weiter zu befassen. Aber genau das lohnt (sonst stünde ich nicht mit diesem Text hier) und revidiert vielleicht den ersten Eindruck.
Da gibt’s nämlich noch mehr Ungereimtes: die Schlussfolgerung des enttäuschten Eigentümers. Man könnte erwarten, dass der Dritte rausgeschmissen wird: du bist entlassen! Aber seinen Teil dem zu geben, der jetzt 10 hat, ist doch unlogisch, weil der erste Partner zwar 5 Zentner dazu gewonnen hatte, dann aber das gesamte Vermögen dem Eigentümer zurückgab. Von Behalten war da nicht die Rede. Der Eigentümer sagt das dem Dritten ja auch: Ich hatte erwartet, dass du mir „das Meine“ mit dem Mehrwert zurückgibst. Vielleicht ist diese Geschichte, so stark sie im Einzelnen durch immer gleichen Wortlaut auch erzählt wird, brüchiger, als es zuerst erscheint.

Ich bewundere den Mut des Dritten. Er hat richtig gehandelt und das Anvertraute unangetastet zurück gegeben. Und ist der einzige, der das Spiel durchschaut und kritisiert: „Du erntest, wo du nicht gesät hast.“ So äußert sich die altbiblische Warnung vor Zinsnehmen und Wucher, weil’s zu Herrschaft führt und zu Gewalt über andere. Und die ironische Feststellung: Wenn du arbeitest, bekommst du (wenn’s gut geht) Geld; wenn du Zinsen bekommst, hat „dein Geld gearbeitet!“.

Eine deutliche Entlarvung dessen, was wir Kapitalismus nennen. Auch aus dem Mund Jesu, und zwar gleich doppelt, weil der enttäuschte Eigentümer den an ihn gerichteten Vorwurf nochmals wiederholt. Immerhin! Aber vielleicht geht es Jesus bei diesem Gleichnis gar nicht um Geld und Geldvermehrung.

Die neutestamentliche Forschung lässt erkennen, dass Matthäus hier etwas weitergestaltet, was in dieser Form nicht schon von Jesus selbst stammt.
Vielleicht hat Jesus mit dem 1. Teil dieses Gleichnisses nur Betroffenheit und kritische Selbstprüfung erreichen wollen – im Sinn von: was habt ihr mit dem Reichtum Gottes gemacht, der euch anvertraut ist? Etwa euch religiösen Führern. Ihr wisst unheimlich viel (über diesen Reichtum Gottes). Habt ihr’s vermehrt, indem ihr auch anderen daran Anteil gegeben habt?
Oder habt ihr’s unter Verschluss gehalten, so dass niemand richtig dahinter kam?
Diesen Gedanken kleidete er dann in eine Geschichte, die mit seiner Erfahrungswelt zu tun hatte: mit den bitteren Erfahrungen der kleinen Leute, denen leider Gottes oft auch das noch genommen wurde, was sie an Wenigem hatten. Natürlich nicht von Gott, sondern von denen, die sich als ihre „Herren“ gebärdeten.

Das ist nicht das erste Mal, dass man Jesu Worte und Gedanken später erweiterte und ihnen einen anderen Akzent gab. Da werden Menschen angesprochen, die – weil das Reich Gottes offenbar doch nicht so schnell kam, wie zuerst erwartet - mit den anvertrauten Schätzen nicht viel anfangen. Vorsicht!, heißt’s dann am Ende des 1. Jahrhunderts: was ist, wenn ihr vielleicht urplötzlich Rechenschaft geben müsst über das, was aus euch geworden ist oder was ihr nicht gemacht habt aus dem euch anvertrauten Evangelium?
Eine andere Fassung dieses Gleichnisses überliefert Lukas (19,11ff; vergleichen sie zu Hause einmal beide miteinander!). Diese und eine dritte, die damals gar nicht in die Bibel aufgenommen wurde, zeigen solche Weiterentwicklung der ursprünglichen Gedanken Jesu. Am Ende kam dann eine moralisierende Warnung vor Zügellosigkeit heraus.

Versuchen wir zurückzugehen zum ursprünglichen Impuls hinter dieser Geschichte. Es ist womöglich der ernste Fingerzeig: Gottes Geschenk lässt sich nicht für später aufheben. Nur wer damit umgeht, hat was davon. Dann aber entfaltet es seinen unglaublichen Reichtum und wird immer größer. Vielleicht in der Richtung von „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“
Aus dem griechischen Wort für die anvertrauten „Zentner“ stammt unser Lehnwort „Talente“. Das kann uns nun vielleicht auch innerlich erreichen: denn im Zusammenhang unsrer Begabungen und Talente ist klar: nur wenn wir mit ihnen umgehen, entfalten sie sich. Das ist leider schwer zu vermitteln – schon gar an Kinder, wenn wir ihn sagen: gib ja den Flötenunterricht nicht auf, du würdest es später bereuen! Und dann – wir sind da selbst gebrannte Kinder - lässt sich selten noch aktivieren, was einmal als Anlage da war.

Wie könnten wir mit diesem Gleichnis noch umgehen?
Bei Eugen Drewermann habe ich einen Hinweis vor allem auf den dritten Partner gefunden. Und dem bin ich gerne nachgegangen.
Faulheit? Untreue? Bequemlichkeit?
Dann ist nicht ganz verständlich, warum er sich dem Eigentümer gegenüber so verteidigt. Geht’s bei dem Gleichnis gar um ein paradoxes Sicherheitsbestreben und um den Wunsch, nur ja nichts falsch zu machen? Wir kennen das ja, dass man am Ende alles vertun kann, wenn man aus Angst überhaupt nichts zu unternehmen wagt. Um was für eine Angst es sich im Gleichnis handeln könnte? Vielleicht hängt sie zusammen mit der Verteilung der Talente an die beiden andern, die eben mehr bekamen. Auch das ist uns nicht fremd. Wir prüfen unsre Fähigkeiten und rechnen mit unsern Möglichkeiten und sehen dann mit einem Mal die neben uns, die das alles viel besser können: die sind doch cleverer, können besser formulieren, sind näher dran! usw. Schon von den Startlöchern an scheint’s den andern besser zu gelingen. Und aus Minderwertigkeitsgefühlen vergraben wir, was wir eben auch vorweisen könnten.

Positiv betrachtet: bei Matthäus heißt’s, jedem wurde nach seiner Tüchtigkeit, nach seiner Fähigkeit, nach seinem Maß gegeben.
Ob uns das auf die Sprünge hilft? Uns ständig mit anderen zu vergleichen, setzt uns matt. Weiterführend ist aber nicht die Frage, wie wir im Vergleich mit andern abschneiden, sondern wie wir mit dem umgehen, was Gott uns gegeben hat. In einer chassidischen Erzählung weiß Rabbi Sussja, dass er in der kommenden Welt nicht gefragt wird: warum bist du nicht Moses gewesen? Sondern er wird gefragt werden: Warum bist du nicht Sussja gewesen?

So könnte das ursprüngliche Gleichnis Jesu die Menschen damals und uns heute ermutigen: Lebe doch deinen eigenen Reichtum, deine Besonderheit so üppig, so fantasievoll wie’s nur geht. Du bist genug begabt dafür. Täten wir das nicht, meint Drewermann, hätten wir am Ende nichts falsch gemacht, uns aber selbst vergraben und also nicht richtig gelebt. Was ja auch zum Zähneknirschen führen kann.

So verstanden, entspricht das Gleichnis dem, was von Jesus auch sonst überliefert wird: er befreit aus der Angst vor dem Leben und aus dem Schielen auf andere.

DU bist Gottes Kapital! Du besitzt Gaben, die nur du vermehren kannst – im Weitergeben von Wissen und Einsichten, im Anregen anderer mit deiner ökumenischen Weite und Konsequenz, im Denken an andere, in künstlerischem Gestalten, im Spenden von Zeit – zB als Lesepate. Aufgaben, die nur du lösen kannst, Möglichkeiten, die sich nur durch dich öffnen.

Also Gott sei Dank für dich und dich und dich – und auch für mich. Wenn jedes von uns mit dem umgeht, was Gott da überall investiert hat, wenn wir einander ermutigen, dies Kapital zu entdecken und zu verwenden, dann bleiben diese Talente nicht bei uns liegen, sondern bedeuten auch was für andere. „Denn es ist wie mit einem Menschen“ beginnt Jesus und meint mit „es“ das Himmelreich, also eine veränderte Welt mit neuen Maßstäben.
Wenn da immer mehr mitmachen würden, einander zu befreien, wie Jesus es getan hat, statt einander festzulegen, dann wäre das Himmelreich, also der Reichtum des Himmels schon da. Und kein Kapitalismus oder welch egoistisches System auch immer könnte uns noch gefangen halten. Wir sind Gottes Kapital. Und unser Kapital ist die Liebe. Und damit ist jede und jeder von uns reichlich talentiert.

(Helmut Zeilinger)


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