Tauschring Blog für das Dreiländereck

Tauschring und Finanzkrise

Vielleicht wegen der Ferien nicht beachtet - Zwei gute Beispiele wurden in der Presse vorgestellt:

1. solidarische Wirtschaft - gib und nimm, im Austausch leben!

“Ich lebe schon die Zukunft”
Interview: Heidemarie Schwermer lebt - ganz bewusst - ohne Geld und Besitz
Sven Meyer in Der Sonntag, 3. Aug 2008 Seite 6

Heidemarie Schwermer lebt ohne Geld und behauptet von sich, gerade deswegen ein besonders reiches Leben zu führen. Die 66-Jährige gab vor 13 Jahren ihren Job als Psychotherapeutin auf, löste ihre Wohnung auf, verschenkte all ihr Hab und Gut und kündigte fast alle ihre Versicherungen. Was sie zum Leben braucht, ertauscht sie sich seither, auch indem Sie Leuten hilft, bei denen sie wohnt. Ihr Weg führt sie immer wieder zu Freunden in Freiburg und Heitersheim. Sven Meyer unterhielt sich mit ihr über ihren radikalen Lebensentwurf.

Heidemarie Schwermer
Heidemarie Schwermer

Darf ich so indiskret sein und Sie fragen, wie viel Geld Sie gerade bei sich haben?
Sie dürfen. Ich habe gar nichts dabei. Aber es hat sich etwas geändert: Wenn ich jetzt reise, gibt es eine Kasse, in die ich ab und zu mal greife.

Aha, Sie haben also ein Konto. Bedeu­tet das, dass Sie jetzt doch so langsam von Ihrem selbst erwählten, harten Pfad abweichen?
Nein, keineswegs. Ich stand eines Tages vor der Bundesversicherungsanstalt für Ange­stellte. Da bin ich dann einfach mal rein und habe gefragt, wie es um meine Rente be­stellt ist. Da waren alle Daten im Computer, und es ging so einfach, dass ich gesagt habe: Das machst du jetzt. Ich nehme dieses Geld an, um es zu verschenken. Es ist nicht so viel. Einen Teil davon verwende ich, um über weitere Strecken zu reisen. Ansonsten interessiert mich Geld nicht.

Wenn Sie auf Ihren Bahnfahrten anderen Reisenden erzählen, dass Sie seit vielen Jahren freiwillig auf Geld und alles Materielle verzichten, werden Sie dann oft für verrückt erklärt?
Das kommt vor. Ich wurde für meinen Standpunkt sogar schon angegriffen, ich würde mich nur durchschnorren. Das höre ich aber immer seltener. Die meisten Men­schen bringe ich zum Nachdenken. Sie mer­ken sehr schnell, dass ich das nicht nur aus Jux und Tollerei mache. Ich glaube, eine wachsende Zahl von Menschen gerät jetzt an einen Punkt, wo sie sich sagen, so kann es im Kapitalismus nicht mehr weitergehen.

Ist es aber nicht so, dass Geld nie einen höheren Stellenwert hatte als heute? Es darf doch sogar wieder ganz offen geprotzt werden.
Das stimmt. Ich finde, das wirkt alles wie ein Höhepunkt, man klammert sich noch einmal ganz verzweifelt an dieses System, will es festhalten. Geld wird von vielen angebetet. Es ist so überhöht, dass wir dar­unter ächzen. Es ist doch oft so: Bevor es den großen Um­bruch gibt, spitzen sich die Dinge noch ein­mal zu. Ich möchte aber gar keine düsteren Szenarien entwerfen. Ich sehe immer mehr Menschen, die sich mit Alternativen beschäftigen und anfangen, anders zu leben. Ich glaube, das ist der leise Beginn von etwas Neuem. Ich sage immer, ich lebe schon die Zukunft.

Wie darf ich das verstehen?
In der Zukunft wird die Menschheit begrif­fen haben, dass ein Leben ohne Geld viel einfacher ist. Es ist doch verrückt, sich völlig abzustrampeln und zu quälen, nur um sich einmal einen Urlaub leisten zu können. Un­ser jetziges Leben ist auch so kompliziert, weil wir alles durch Geld geregelt haben. Das Leben ist aber dazu da, dass wir es gerne leben, und nicht, um unsere Kräfte zu verschwenden. Vielmehr sollten wir diese Kräfte da einsetzen, wo sie gebraucht werden. Vor allem um sich gegenseitig zu helfen.

Welches Modell schwebt Ihnen vor?
Es ist schwierig, ein Modell zu beschreiben, das es noch gar nicht gibt. Ich versuche es trotzdem: In meinem Modell ist jeder Mensch wertvoll und steht im Mittelpunkt des Geschehens. Jeder bringt sich mit sei­nen Fähigkeiten ein und bestimmt selber, wie und wann das geschieht. Dabei achtet er darauf, dass das Geben und Nehmen im Einklang ist. Es wird eine Daseinsform, die nichts mehr mit dem Ausgeliefertsein zu tun hat, in dem wir uns heute befinden, sondern mit Eigenverantwortung und Selbstbestim­mung.

Im Kleinen gibt es so etwas schon länger. Ist es nicht einfach nur eine kleine Nische, die Sie besetzen, die aber ans große System niemals rühren wird?
Nein. Es ist ein Anfang. Ich glaube nicht an eine kämpferische Revolution, sondern an eine Evolution. Es braucht Zeit. Nein. Es ist ein Anfang.

Es muss in Ihrem Leben einen Punkt gegeben haben, der Sie bewogen hat, mit allen Konventionen zu brechen. Schließlich hatten Sie mal ein wohl­habendes Leben, waren erfolgreich…
Trotzdem, ich wollte das schon immer. Eine Welt, in der Lebensmittel vernichtet werden, um Preise stabil zu halten, Milliardäre nicht mehr wissen, wohin mit dem ganzen Geld, und es dann sinnlos verschwenden, wäh­rend andere verhungern, das ist einfachnur absurd. Ich wollte da raus und etwas anderes leben. Als ich vor 15 Jahren den Tauschring gegr habe, war es dann so weit. Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger Geld brauchte, dann habe ich beschlossen, ein Jahr auf alles zu verzichten.

Und seit wie viel Jahren leben Sie ohne Geld?
Seit fast dreizehn Jahren.

Aber sicher haben Sie noch irgendeinen Besitz, der aus Ihrem alten Leben stammt.
Nein, ich habe alles, was ich besaß, ver­schenkt, und das ist mir auch überhaupt nicht schwergefallen. Fünf Jahre lang hatte ich noch einen Schrank bei einer Freundin stehen, den habe ich aber inzwischen auch verschenkt. Wenn ich mal ein neues Klei­dungsstück bekomme, kommt das alte sofot weg, wenn es abgetragen ist. So bleibe ich immer auf dem gleichen Level.

Ohne Bleibe, ohne Geld, müssen Sie da nicht manchmal auf der Parkbank über­nachten?
Keineswegs. Ich habe überall Anlaufstellen, und ich glaube nicht, dass ich da nur ge­duldet werde. Ich denke, für viele ist mein Besuch auch eine Bereicherung, ich unter­stütze die Menschen, bei denen ich von Zeit zu Zeit lebe. Ich habe ja viel mehr Zeit für andere, und diese Zeit setze ich auch für andere ein. Ich führe ein reiches Leben ohne Geld.

Sie sind jetzt 66 Jahre alt, würden Sie sagen, dass es mit dem Alter schwie­riger wird, Ihren Lebensentwurf zu leben?
Nein, gar nicht. Je länger ich da drin bin, desto leichter wird es. Es ist wirklich so, ich spüre eine große Leichtigkeit des Lebens.

» Zur Person
Heidemarie Schwermer (1942 in Memel ge­boren) ist Buchautorin, Psychologin und lebt seit 1996 absichtlich ohne Geld. 1994 gründete sie in Dortmund die Gib-und-Nimm-Zentrale. Über ihre Lebensphiloso­phie schrieb sie Bücher und Aufsätze, unter anderem „Das Sterntalerexperiment. Mein Leben ohne Geld”. Der Erlös aus dem Ver­kauf wird gespendet. Jemand macht für sie zudem

die Internetseite gibundnimm

2. Solidarische Wirtschaft - Geld anders aufbewahren

Hier leben Menschen von 2 bis 65
In der „Arche” im „Sonnenhof” wohnen Menschen generationenübergreifend und selbstorganisiert -und suchen noch Direktkredite BZ 1. 8. 08 VON UNSERER Mitarbeiterin ANJA BOCHTLER

VAUBAN. Innenhof-Idylle am frühen Abend: Zwi­schen Kies und Steinen blühen Pflanzen, irgend­wo läuft ein Kinder-Hörspiel. Valerie Breteau geht auf ihrer Terrasse den Holzboden entlang Rich­tung Nachbarn: „Hier ist die Grenze.” Sie ist un­sichtbar. Die Menschen, die in sechs Zwei- und sieben Dreizimmerwohnungen im generationen­übergreifenden Wohnprojekt „Arche” in der Lise-Meitner-Straße leben, panzern sich nicht vonein­ander ab - und doch lebt jeder sein Leben. Die Fi­nanzierung über Direktkredite garantiert günstige Mieten.

Der Sonnenhof
Der Sonnenhof

Der Innenhof ist das Zentrum. Der Ort, wo sich im „Sonnenhof”, zu dem die „Arche” gehört, alle be­gegnen: Familien, die sich eine Eigentums­wohnung leisten können. Ältere Menschen mit Demenz, die in der Wohngruppe des Vereins „Woge” leben. Und die „Arche”- Leute, Frauen und Männer zwischen 26 und 65 Jahren, die allein oder - die Mehrzahl - als „Ein-Eltern-Familien” mit Kind leben (das jüngste ist zwei Jahre alt) und mit ihrem geringen Einkommen auf niedrige Mieten angewiesen sind.

Die „Arche” ist ein Wohnprojekt des Mietshäuser-Syndikats - generationenübergreifend. Mit dem Ziel, dass sich im äußerst jugendlich geprägten Stadtteil Vauban mehr Ältere niederlassen. Auch wenn ein kleines Projekt höchstens symbolisch wirkt: Vier Bewohnerinnen und Bewohner der 13 Wohnungen sind über 50, zwei älter als 60. Wohn­projekt - heißt das jeden Abend zusammen kochen, Diskussionen über Putzpläne und gemeinsame Einkaufslisten? Wer solche Klischees im Kopf hat, wird bei der „Arche” enttäuscht. Es gibt nur einen einzigen Pflichttermin, bei dem nie­mand fehlen sollte. Donnerstagabends zwischen 17 und 19 Uhr, wenn alle im Gemeinschaftsraum sitzen. Dann geht’s um Organisatorisches. Und das ist bei einem Projekt, das sich selbst organisiert, keine neben­sächliche Kleinigkeit. Es raubt richtig Zeit. Das wussten die vier Bewohnerinnen Valerie Breteau (40, Soziologin), Anne Peschlow (65, Kunstthera­peutin), Silke Unterkircher (32, Krankenschwester) und Miriam Baldes (35, Sozialarbeiterin) längst vor ihrem Einzug im Januar.

Valerie Breteau geht seit eineinhalb Jahren zu den Treffen, bei denen sich die „Arche” als Teil des „Sonnenhof”-Projekts entwickelt hat. Mit den Nachbarn im „Sonnenhof” gibt’s enge Zusammen­arbeit, bis hin zu gemeinsamer Öffentlichkeits­arbeit, die - wie früher sämtliche Bau-Fragen und jetzt die Gestaltung des Innenhofs oder so trockene Notwendigkeiten wie Buchhaltung - in Arbeits­gruppen läuft. Damit reicht’s aber auch, was gemeinschaftliche Arbeit angeht, finden die vier Bewohnerinnen. Sie sind bewusst nicht in eine WG gezogen, leben lieber jede ihr eigenes Leben mit Arbeit, Freunden, vielen Interessen und - bis auf Anne Peschlow - mit Kind. Und doch sind die nicht abgetrennten Balkone mehr als ein Symbol: Die Bewohner wollen füreinander da sein, wenn es nötig ist. Zum Beispiel, als sie kürzlich eine Nach­barin in die Klinik brachten und sie dort besuchten. Oder wenn sich die zahlreichen Eltern beim Baby­sitten unterstützen. Wichtig finden sie auch, dass sie in ihrem jungen Stadtteil durch die „Woge” äl­tere Menschen als Nachbarn haben - selbst wenn es keinen regelmäßigen Kontakt gibt.

Wenn donnerstagabends alle beim Plenum im Gemeinschaftsraum sitzen, geht’s derzeit fast nur um Geld. Die Wohnprojekte „Arche” und „Woge” finanzieren sich über Direktkredite, sind abhängig von Menschen, die ihr Geld bei ihnen anlegen und nicht mehr als höchstens drei Prozent Zinsen erwarten. Weil nun einige Anleger wegen eines neuen Wohnprojekts abspringen, werden neue ge­braucht. Nur so können Menschen mit wenig Geld leben, wie es im üblichen Sozialwohnungen kaum vorstellbar ist: Helle, schöne Räume, ökologisch gebaut - das hätte sie sich sonst nie leisten können, sagt Valerie Breteau. Die Kaltmiete liegt bei 5,30 Euro, dieHeizkosten werden wegen der Bauweise vermutlich niedrig. Alle Bewohner haben Wohn­berechtigungsscheine, weil sie wenig verdienen. Auch senn sie bilduns- und berufsmäßig - typisch Vauban - mit akademischen, kreativen oder sozialen Berufen eher zu den Privilegierteren zählen.

Infos zu Direktkrediten: Jürgen Feldmaier, Tel: 0761 4799253
die Internetseite: www.WogeVauban.de


1 Kommentar

  1. […] Tauschring und Finanzkrise - […]

    Pingback von Sven schwermer | Hintrel — 20. Januar 2012 @ 12:04

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